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Vom Sommer 1910 bis zu seinem Tod hat Félix Vallotton (18651925) gegen vierzig Sonnenuntergänge gemalt; hinzu kommen zahlreiche Landschaften im Abendlicht, wo die hinter dem Horizont versinkende Sonne den Himmel in eine delikate Farbigkeit taucht. Die meisten dieser Bilder entstanden nach Motiven aus der Umgebung von Honfleur, dem kleinen Fischerort in der Normandie, wo Vallotton von 1909 an regelmässig den Sommer verbrachte.
Kein einziges dieser Gemälde wurde direkt vor dem Motiv gemalt. Den Natureindruck rekonstruierte der Künstler vielmehr in «komponierten Landschaften», die auf der Grundlage von Skizzen im Atelier entstanden. Vallottons Sonnenuntergänge gehören nicht nur zu seinen kühnsten Bildschöpfungen, sie stellen ihn zugleich in eine Reihe mit Erneuerern der klassischen Landschaftsmalerei wie Hodler und Munch.
Vallotton und Honfleur
Der Fischerort Honfleur an der Seine-Mündung, der schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Maler angezogen hatte, spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Vallottons Landschaftsmalerei und besonders seiner Sonnenuntergänge. In der Villa Beaulieu vor den Toren des Städtchens verbrachte der Künstler 1901 sowie von 1909 bis zu seinem Tod regelmässig die Sommermonate. Hier perfektionierte er seine Methode der «komponierten Landschaft» (paysage composé): Die Ansichten von Honfleur und seiner Umgebung malte er nicht mehr nach der Natur, sondern aus der Erinnerung, mit knappen Skizzen, Fotos oder Postkarten als einziger Gedächtnisstütze. Der Blick auf die Sonnenuntergänge über dem Meer, sei es direkt vom Ufer oder von der bewaldeten Anhöhe der Côte de Grâce aus, gab dabei den entscheidenden Anstoss zur Entwicklung dieses Bildmotivs seit 1910, das bis 1918 ein Lieblingsthema des Künstlers blieb.
Holzschnitte und Gemälde der Nabi-Zeit,18911900
1891 schafft Vallotton seine ersten Holzschnitte. Die verblüffend modernen Effekte, die er in diesem zuvor in Vergessenheit geratenen Medium erzielt, machen ihn in der Pariser Avantgarde auf einen Schlag berühmt. Indem er die Bildmotive massiv vereinfacht und in kühner Weise zu weissen und schwarzen Flächen zusammenfasst, geht er auf dem Weg der Abstraktion noch einen Schritt weiter als Gauguin oder die japanischen Holzschnittkünstler.
Sowohl in den Gebirgs- und Meereslandschaften wie in den humoristisch-karikierenden Darstellungen von Badenden taucht dabei immer wieder das Motiv der untergehenden Sonne auf, oft von stilisierten Wolkenformationen begleitet.
Die im Holzschnitt erprobte Methode, die atmosphärischen Erscheinungen in stark vereinfachte, flächige Formen umzusetzen, sucht Vallotton vereinzelt auch in die Malerei zu übertragen. Bis zur Jahrhundertwende spielt dieses Medium aber nur eine untergeordnete Rolle.
Von der Landschaft zum Akt, 19011910
Ab 1900 reduziert Vallotton seine Aktivität als Graphiker, um sich wieder hauptsächlich der Malerei zu widmen. Dabei weicht die Ästhetik der Nabi-Zeit einem realistischeren Stil: Innerhalb eines nach wie vor flächig aufgefassten Bildraums gewinnen Figuren und Gegenstände an Volumen und Körperlichkeit. Während eigentliche Sonnenuntergänge bis 1910 aus Vallottons Werk verschwinden, beschäftigt ihn weiterhin die Wiedergabe von natürlichen Lichteffekten und atmosphärischen Phänomenen.
Um 1905 wendet er sich fast ganz von der Landschaftsmalerei ab und befasst sich statt dessen intensiv mit der Aktdarstellung. Er setzt aber seine nach dem Modell skizzierten Akte nicht selten als Badende oder mythologische Figuren in eine stark stilisierte imaginäre Landschaftskulisse. Auffallend oft sind Figur und Landschaft in das farbige Licht der untergehenden Sonne getaucht, welches ihnen eine fast surreale Wirkung verleiht.
Sonnenuntergänge 19091913
1909 nimmt Vallotton in Honfleur die Landschaftsmalerei wieder auf. Seine Auseinandersetzung mit natürlichen Lichteffekten führt ihn 1910 zu den ersten Meereslandschaften, bei denen der «ununterbrochene Farbenzauber» des Sonnen-untergangs im Zentrum steht. 1911 malt der Künstler eine ganze Serie von Couchers de soleil, in denen er den Bildinhalt fast vollständig auf die leuchtend bunten Flächen von Wasser und Himmel mit dem untergehenden Sonnenball in der Mitte reduziert und dabei bis an die Grenze zur Abstraktion vorstösst. Das Motiv des Sonnenuntergangs und der Abendstimmungen über dem Meer mit ihren unendlichen Farbvariationen bleibt auch in den folgenden Jahren ein wichtiges Thema im Œuvre Vallottons.
Vallotton und der Krieg
Wie andere Maler versucht auch Vallotton den Ersten Weltkrieg künstlerisch zu verarbeiten. Schon in seiner Graphikfolge C’est la guerre (1915), für die er nach Jahren wieder auf das Medium des Holzschnitts zurückgreift, spielen atmosphärische Phänomene sowie Licht und Schatten eine zentrale Rolle. In den Ölgemälden tritt dieser Aspekt noch stärker in den Vordergrund: Nicht den kriegführenden Menschen und Maschinen gilt Vallottons Haupt-interesse, sondern der Überblendung der natürlichen Licht- und Wetterverhältnisse durch die Explosionen, die Lichtkegel der Suchscheinwerfer und die Rauchwolken der Brände, welche der verwüsteten Landschaft ein gespenstisches Aussehen verleihen. Auch in der Kriegsallegorie Der Erstochene zugleich eine moderne Paraphrase von Holbeins berühmtem Toten Christus (1521) kommt dem von dräuenden Gewitter- oder Rauchwolken verhangenen Abendhimmel eine wichtige inhaltliche Funktion zu.
Landschaften im Abendlicht, 19151925
In den Jahren 191718 entsteht eine Reihe weiterer Couchers de soleil, insbesondere eine Gruppe von Gemälden mit spektakulären Farbakkorden, die die im Meer versinkende Sonne von der Anhöhe der Côte de Grâce aus zeigen. Im späteren Schaffen Vallottons kommt das Motiv hingegen nur noch vereinzelt vor. Der Künstler beschäftigt sich aber weiterhin mit der malerischen Wiedergabe von Abendstimmungen, die jetzt einen elegischen Unterton erhalten: etwa in den magisch verklärten Flusslandschaften, die 192325 nach Reisen an die Dordogne und an die Loire entstehen.
In den Landschaften aus Cagnes an der Côte d’Azur, wo Vallotton seit 1920 die Wintermonate verbringt, sucht er die intensive Wirkung des mediterranen Lichts ein-zufangen, indem er die in der Abendsonne leuchtenden Flächen mit harten Schattenzonen kontrastiert.
In seinen letzten Lebensjahren greift der Künstler das Thema des Akts vor Sonnen-untergangskulisse wieder auf; auch hier dominiert nun eine melancholische Stimmung, die in einer kühlen Farbigkeit zum Ausdruck kommt.
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